Der Holunder – Hüter des Hauses und Tor zur Anderswelt

Kaum ein heimischer Strauch ist von so vielen Geschichten, Bräuchen und Überlieferungen umrankt wie der Holunder.

Der Hollerbusch stand vielerorts nahe am Haus und galt als Schutzbaum für Haus und Hof. Man begegnete ihm mit Respekt, denn im Volksglauben konnte in ihm ein guter Geist wohnen – die Hollermutter, die Frau Holle oder eine ihr verwandte weibliche Gestalt. Mancherorts brachte man dem Busch sogar kleine Gaben dar.

Den Holunder einfach zu fällen, galt nicht überall als selbstverständlich. Überliefert ist der Glaube, dass man vorher um Erlaubnis bitten müsse – denn man wusste nicht, wer oder was in seinem Inneren wohnte.

So wurde der Holunder zu einem Baum der Schwelle: Er stand zwischen Haus und Außenwelt, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen dem Alltäglichen und dem Geheimnis.

Frau Holle

Auch mit Frau Holle ist der Holunder in zahlreichen Überlieferungen verbunden. Der Holunder wird im Volksglauben als eine ihr besonders zugeordnete Pflanze beschrieben; gelegentlich wird sogar vermutet, dass die Bezeichnungen Holle, Holda, Hulda und Holler sprachgeschichtlich miteinander verbunden sein könnten. Sicher beweisen lässt sich diese Gleichsetzung jedoch nicht.

Frau Holle selbst ist viel mehr als die freundliche Figur aus dem bekannten Märchen.

In den Sagen erscheint sie in vielen Gestalten: als junge Frau und als alte Weise, als mütterliche und schenkende Gestalt, aber auch als wilde, prüfende und strafende Kraft. Sie kann den Menschen Glück und Segen bringen – und sie kann daran erinnern, dass alles Tun Folgen hat.

Sie ist eine Hüterin der Schwelle.

In thüringischen Überlieferungen heißt es beispielsweise, Frau Holle hüte die noch ungeborenen Kinder, bis ihre Zeit gekommen sei. An anderen Orten wurde sie mit Quellen, Bergen und einer verborgenen Anderswelt verbunden.

Die Frau, die spinnt und webt

Eine weitere Seite der Frau Holle führt tief in die Welt der Frauen.

Sie gilt in den Überlieferungen als Schirmherrin der Spinnerinnen und Weberinnen. Spinnen und Weben waren nicht nur Handwerk, sondern gehörten zum alten Wissen des Hauses, zum Rhythmus der Jahreszeiten und zum Herstellen dessen, was Menschen miteinander und mit dem Leben verband.

Vielleicht liegt darin ein schönes Bild:

Das Leben ist ein Gewebe.
Wir sind nicht nur diejenigen, die darin leben – wir sind auch diejenigen, die daran mitweben.

Frau Holle erinnert daran, dass wir Fäden aufnehmen, weiterführen, verknoten und manchmal auch lösen müssen.

Leben, Tod und Wandlung

Auch der Holunder selbst erzählt von Wandlung.

Im Frühling trägt er seine weißen Blüten, später werden daraus dunkle Beeren. Er begleitet den Menschen durch die Jahreszeiten – vom Aufblühen über die Reife bis zum Rückzug und zur Erneuerung.

Vielleicht hat gerade diese Wandlungsfähigkeit dazu beigetragen, dass der Holunder im Volksglauben mit Heilung, Schutz, Fruchtbarkeit, Leben und Tod verbunden wurde.

Und auch seine körperliche Kraft ist bemerkenswert.

Die dunklen Holunderbeeren enthalten unter anderem Anthocyane und andere Polyphenole – sekundäre Pflanzenstoffe, die für die intensive dunkle Färbung verantwortlich sind. Zudem enthalten die Beeren verschiedene Vitamine und Mineralstoffe. Gerade die Anthocyane stehen heute wegen ihrer antioxidativen Eigenschaften im Mittelpunkt der Forschung.

Traditionell wurde Holunder vor allem als Hausmittel bei Erkältungen und Beschwerden der oberen Atemwege verwendet. Auch moderne Untersuchungen beschäftigen sich mit dieser alten Anwendung. Erste Studien deuten darauf hin, dass Holunder bei Erkältungs- und Grippebeschwerden möglicherweise die Dauer oder Stärke von Symptomen etwas vermindern kann – die wissenschaftliche Beweislage ist jedoch noch nicht stark genug, um daraus eine gesicherte Heilwirkung abzuleiten.

Dabei gilt: Rohe oder unreife Holunderbeeren sowie Blätter und Stängel können giftige Stoffe enthalten. Für den Verzehr werden die reifen Beeren deshalb traditionell verarbeitet und ausreichend erhitzt.

Die Kraft der Wandlung

So trägt der Holunder etwas in sich, das auch Frau Holle verkörpert:

Die Kraft des Werdens und Vergehens.
Das Nähren und das Loslassen.
Das Helle und das Dunkle.
Das Sichtbare und das Unsichtbare.

Vielleicht ist es deshalb so stimmig, einen Holunderzweig dort zu sehen, wo Frauen zusammenkommen.

Nicht als Dekoration allein.

Sondern als leise Erinnerung:

Wir stehen auf altem Boden.
Wir tragen Wissen in uns.
Wir sind Teil eines großen Gewebes.
Und manches Wissen wartet nicht darauf, gelehrt zu werden –
sondern darauf, dass wir uns daran erinnern.

Den Holunder ehren

Und so möchten wir den Holunder nicht nur betrachten.

Wir möchten ihn ehren.

Mit einem Ritual wollen wir uns mit seiner Geschichte, seiner Wandlungskraft und seiner besonderen Stellung in der Überlieferung verbinden.

Wir wollen innehalten, danken und uns daran erinnern, dass auch wir Teil dieses großen Gewebes sind – verbunden mit der Erde, mit den Frauen vor uns und mit denen, die nach uns kommen.

Wir ehren den Holunder als Hüter der Schwelle,
als Begleiter durch Wandel und Zeiten
und als Erinnerung an das alte Wissen,
das in der Natur und in uns weiterlebt.

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